Erhellende Nachtansichten – Wie Malerin Katrin Heichel den Blick aus dem Dunkel wagt

Katrin Heichel, Musikzimmer, 2016, Eitempera auf Leinwand (Foto: VG Bild-Kunst Bonn, 2016)
Katrin Heichel, Musikzimmer, 2016, Eitempera auf Leinwand (Foto: VG Bild-Kunst Bonn, 2016)

Maler malen nicht einfach so Bilder. Auch wenn es manchmal landläufig so behauptet wird. Katrin Heichel folgt einer Idee, die beim Malprozess eine Eigendynamik entwickle. Dieser Dynamik folgt sie dann. Das verändere die ursprüngliche Malidee und eben dies sei Malerei. Ihre aktuelle Ausstellung „Nocturama“ verdeutlicht diesen Entwicklungsprozess, aber auch ihre Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten eines Themas – die Nacht.

An einige der Arbeiten, die von der gebürtigen Leipzigerin derzeit in der Kunsthalle g2 ausgestellt werden, muss man sich erst einmal herantasten. Gestapelte Schreibtische und Matratzen, ein verlassener Raum im nächtlichen Dunkel – in der Nacht sieht alles viel geheimnisvoller aus als am Tag. Kröten paaren sich auf einigen ihrer Bilder, oder wurden Bild für Bild übereinander gehängt. Nur Menschen sucht man in den Arbeiten der Vertreterin der „Neuen Leipziger Schule“ vergeblich. Lediglich ihre Hinterlassenschaften bereiten uns Kopfzerbrechen.

Sie verfolge das Prinzip der „Anwesenheit trotz Abwesenheit“, weiß man von ihren Arbeiten. Das heißt, dass die dargestellten Räume und Gegenstände von menschlichem Dasein zeugen und so auch Porträts sein können. Aber nicht im Sinne, dass Katrin Heichel eine konkrete Darstellung einer bestimmten Person erschaffe, sondern den Blick des Betrachters für biografische Brüche und stillgelegten Arbeiten öffnet. Unheimlich oder gar mystisch sind die Bilder wegen ihrer Schattigkeit nicht, wenn sie auch mit der Dunkelheit spielen. Zumindest sieht Katrin Heichel keinen Mystizismus oder gar etwas Okkultes in ihren Bildern, v.a. die, wo gemalte Kröten umher krabbeln. Eine Beschäftigung mit der Kunstgeschichte bejahe sie, erzählt sie im Interview. Aber sonst…

Der wahre Horror gibt sich dadurch preis, wenn der Betrachter wohl auch sein eigenes Scheitern vor Augen geführt wird. „Zerstörerischer Zweifel und bewahrende Stärke gehen bei Heichel eine eindringliche Synthese ein“, so der Ausstellungstext. Das gedämpfte Licht in ihren aktuellen Arbeiten verstärkt diese Gefühle. Somit steht sie in ihrem Ausdruck dem Schaffen eines “Neo-Caravaggionisten“ wie Hans Aichinger näher als dem Ausdruck eines Neo Rauch. Ein Caravaggionist ist ein Künstler, der sich an der schlaglichtartigen Inszenierung des Frühbarockmalers Caravaggio orientiert und natürlich auch mit dem Aspekt der Dunkelheit arbeitet. Das Licht habe bei dem Italiener eine christliche Bedeutung. In der heutigen Malerei kann sie ein Effekt, ein profanes Mittel zum Zweck sein.

Katrin Heichel, 2012, Eitempera auf Leinwand, Privatsammlung (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Stefan Fischer)
Katrin Heichel, 2012, Eitempera auf Leinwand, Privatsammlung (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Stefan Fischer)

Der Ausstellungstitel selbst ließe ebenfalls eine Interpretationsebene zu. „Nocturama“ ist einerseits eine Zusammenziehung der Begriffe „Nocturna“ für Nacht und „Panorama“ für die Allschau. Pate für den Ausstellungsnamen habe der Popmusiker Nick Cave gestanden, der ein Studioalbum so genannt hatte. Auch er arbeite, wie u.a. die Independentmusiker von Sonic Youth, Nine Inch Nails und Pixies auch, an musikalischen Hell-Dunkel-Kontrasten – ganz besonders bei seinem 2003 erschienenen Album. Insofern spielen Heichels Bilder auch mit der Assoziation zur Popwelt.

„Meine Zeit in New York brachte einen Bruch in meine Arbeiten“, erläutert die Künstlerin, die in den Nullerjahren bei Neo Rauch und Arno Rink studierte. Dieser Cut in ihrem Ausdruck, wie sie es beschreibt, war notwendig, um neu ansetzen zu können. Heichel malte vorher mit lichtechten Farben. Jetzt sind sie gedeckt. Kuratorin der g2-Kunsthalle, Anka Ziefer, weist auf ein Gemälde der Leipziger Malerin. Es entstand 2012. Das Bild zeigt einen auf Paletten stehenden Schreibtisch. „Für mich bildet dieses Werk den gedanklichen Übergang zu den aktuellen Arbeiten der Künstlerin“, meint die Kuratorin. Die Malerin ergänzt, dass sie generell von Unordnung im Raum inspiriert werde. Dazu zähle auch ein Werk, das unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus New York in Leipzig entstand und an eine Wand angelehnte Matratzen im Sonnenlicht zeigt. „Diese Entwicklung zu den farbig gedeckten Arbeiten von Katrin Heichel geschah mit einem Einschnitt. Das wollen wir mit unserer Ausstellungspräsentation auch zeigen“, so die Kuratorin. Außerdem könne man, ihr zufolge, auch mit der Ausstellung auch das Schweizer „Papiliorama“ assoziieren, einem Spezialzoo, der anhand von Tageslichtfiltern ein Nachtlicht simuliert. Auf diese Weise werden natürliche Verhältnisse des brasilianischen Regenwalds imitiert, um den im Schmetterlingsgarten lebenden Faltern, Schmetterlingen, Vögeln und Fledermäusen eine lebensechte Umwelt zu bieten. „So einen Filter könnte man auch auf Katrin Heichels Bilder übertragen“, interpretiert Anka Ziefer. Die Malerin ergänzt: „Der Titel „Nocturama“ war schon allein wegen Nick Caves Album schon klar, doch mit dem Zooprojekt passte dies perfekt. Denn in der Nacht sieht man nicht nur Schwarz, sondern ein stark abgeschwächtes Licht. Man kann immer noch Gegenstände und die Umgebung erahnen, die zum Teil durch ein stärkeres Anstrahlen stärker hervorgehoben werden. Man tastet im Dunkeln auch mit den Sinnen. Das Sinnliche bleibt übrig. Das ist das, was für mich das nächtliche Sehen und die Arbeit mit Nachtlicht ausmacht.“

2 Antworten zu „Erhellende Nachtansichten – Wie Malerin Katrin Heichel den Blick aus dem Dunkel wagt“

  1. Avatar von Lindenstadt

    Hat dies auf Leipziger Kulturgeschichten rebloggt und kommentierte:

    Noch mehr Malerei aus Leipzig.

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  2. Avatar von Im Grund – Artefakte

    […] Als sie 2016 in der Kunsthalle g2 ihre Ausstellung unter dem Titel „Nocturama“ der Öffentlichke…, meinte die einstige Schülerin von Arno Rink, sie verfolge das „Prinzip der Anwesenheit trotz Abwesenheit“. Das heißt, dass die dargestellten Räume und Gegenstände von menschlichem Dasein zeugen und so auch Porträts sein können. Aber nicht im Sinne, dass Katrin Brause eine konkrete Darstellung einer bestimmten Person erschaffe, sondern den Blick des Betrachters für biografische Brüche und stillgelegten Arbeiten öffnet. Denn Menschen sieht man in ihren Bildern nicht, nur ihre Hinterlassenschaften und Erzeugnisse. In ihrem 2019 geschaffenen Gemälde „Hochbett“, sieht man, wie der Titel uns suggeriert, ein Hochbett. Doch die Umgebung wirkt anders als wir es bei einem Anblick eines Hochbetts erwarten würden. Das über die Schlafstatt geworfene Plaid verdeckt eine alte Matratze. Die Matratze liegt locker auf Kisten und Paletten. Die Tagesdecke verdeckt die brüchige und wackelige Konstruktion, die sicherlich nicht zum Schlafen und Verweilen einladen soll. Der unbestimmte Raum, in dem sich das „Bett“ befindet“ wird beherrscht von kreuz und quer liegenden Leitern, bzw. sehen wir diese Leitern nur fragmentarisch. Sie führen in verschiedene Richtungen aus dem Sujet heraus. Bunte Kissen verdecken ebenfalls die Brüchigkeit dieses Entwurfs, der im symbolhaften Sinn die Frage aufwirft; was will die Künstlerin damit sagen? Wenn wir das Bett in den luftigen Höhen als Lebenssituation eines Menschen interpretieren und die Leitern als Auswege aus einer verfahrenen Situation, dann wird klar, welche Aussage das Bild vielleicht treffen will. In den von ihr verwendeten Motiv steckt nichts Mystisches und Magisches. Man müsste viel mehr über Zweifel, Sorgen, Nöte reden, um sich Brauses Werk zu nähern. Aber auch Fragen stellen, warum sie in ihren Bildern Schlaglichter wirft, die Gemälde bühnenhaft entwirft und v.a. auch die Dunkelheit sprechen lässt, dem Symbol für das Ungewisse, Undurchsichtige, Verborgene. So geht der Betrachter, vielleicht im Sinne des Ausstellungstitels, Brauses Arbeiten Stück um Stück, Schicht für Schicht, auf den Grund und vielleicht entdeckt er auch in sich etwas Verborgenes. […]

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