Daniel Thalheim
In den späten 1960er Jahren entstand in Amerika eine faszinierende Kunstbewegung: Der Fotorealismus. Junge Künstler lehnten sich gegen die vorherrschende Mode der abstrakten und konzeptionellen Kunst auf. Sie stellten alltägliche Gegenstände und Szenen bis ins kleinste Detail dar und arbeiteten meist in extrem großen Formaten. Sie nutzten Fotografien als Vorlage für ihre riesigen Leinwände und gehörten zu den ersten Künstlern, die die Auswirkungen der visuellen Kultur zum Thema ihrer Werke machten. Gemälde von städtischen Szenen, die sich in Schaufenstern spiegeln, Nahaufnahmen von glitzernden Autos, Leuchtreklamen und typisch amerikanischen Interieurs: Diese und viele weitere faszinierende Werke können im Utrechter Centralmuseum in einer großen Ausstellung über Fotorealismus bewundert werden, die im Februar 2024 eröffnet wird.

Realismus im kritischen Blick
Aufgrund der Verfahrensweise – eine Erweiterung der Technik mittels einer Camera Obscura, nun mit analoger Fotografie bewerkstelligt und schon seit dem späten 19. Jahrhundert Thema in der Malerei – entstanden Gemälde, die so detailliert und naturgetreu sind, dass man sie fast für Fotografien halten könnte.
Diese Sinnestäuschung, dass mit Hilfe der Malerei die Malerei faktisch selbst ausgelöscht wird, aber auch den Eindruck wiedergibt, Malerei könne mit der Fotografie in punkto Feinarbeit und Detailtreue mithalten, macht die Magie des Fotorealismus aus. In der Fachwelt wird von dieser Bewegung in den 1960er und 1970er Jahren auch vom Hyperrealismus gesprochen.
Die Ausstellung „In Focus“ will allerdings mehr erzählen. Fragen werden aufgeworfen, welche Geschichten verbergen sich hinter diesen erstaunlichen Werken? Und wie beziehen sich zeitgenössische Künstler auf die Bildsprache dieser Kunstrichtung? „In Focus“ will den Fotorealismus mit einem kritischen Blick betrachten. „Wir blicken über den etablierten Kanon weißer, männlicher, amerikanischer Künstler hinaus und beleuchten Werke von Künstlerinnen, afroamerikanischen Künstlern und Künstlern aus West- und Osteuropa. Wie die erste Generation der Fotorealisten verwenden sie den fotorealistischen Stil, um ihre Vision der Welt auszudrücken. In Focus feiert die Schönheit und das handwerkliche Können des Fotorealismus und fordert die Besucher auf, genauer hinzuschauen und alte und neue Grenzen zwischen Illusion und Realität zu hinterfragen.“, heißt es von den Ausstellungsmachern.
Die Sammlung
Den Kern der Ausstellung bildet die umfangreiche Sammlung des Centraal Museums zum amerikanischen Fotorealismus, die ikonische Werke von Don Eddy, Malcolm Morley, Chuck Close, Richard Estes und vielen anderen umfasst. Rund dreißig Werke aus dieser einzigartigen und faszinierenden Sammlung werden demnächst zu sehen sein.
10. Februar 2024 bis 29. Juni 2024
Centraal Museum Utrecht






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