Anekdotisch gelernt – Die Nationalgalerie London stellt berühmtes Liotard Gemälde aus

Daniel Thalheim

Jean-Etienne Liotard (1702-1789) ist bekannt für seine Interieurs aus dem Leben der Reichen des 18. Jahrhunderts. Die meist sittsamen Gemälde erzählen uns wie es in den gutbürgerlichen und adeligen Stuben zuging. Auch Porträts und Stillleben gehören zu seinem Repertoire. Das Schokoladenmädchen ist sein bekanntestes Werk. Das Frühstück der Familie Lavergne öffnet uns den Blick in das traute Familienleben und wie eine Mutter über die Tischsitten ihres Kindes wacht. Noch bis Anfang März 2024 können Besucher das Gemälde im Sunlay Room der Gemäldegalerie entdecken.

Entdeckungsreihe in der National Gallery London

In der zweiten Reihe von „Discover“-Ausstellungen, die bekannte Gemälde durch eine zeitgenössische Brille betrachten, führen die Ausstellungsorganisatoren der National Gallery London zum ersten Mal seit 250 Jahren die Pastell- und Ölversionen von Das Frühstück der Familie Lavergne des Schweizer Malers Jean-Etienne Liotard wieder zusammen. Die Ausstellung bietet die seltene Gelegenheit, Pastell- und Ölbilder nebeneinander zu sehen und die Unterschiede in Technik und Wirkung der beiden Werke zu vergleichen.

Das Frühstück der Familie Lavergne, das seit langem als sein Meisterwerk gilt, ist eines der größten und ehrgeizigsten Pastellwerke Liotards. Trotz der berüchtigten Zartheit des Mediums gibt er gekonnt komplexe Texturen wieder: den Glanz der metallenen Kaffeekanne, die glänzende Keramikkanne, die seidigen Stoffe und die Spiegelungen auf dem schwarzen Lacktablett. Liotard war äußerst vielseitig und schuf Werke in Pastell, Öl, Emaille, Kreide und sogar auf Glas. Es ist höchst ungewöhnlich, dass er zwanzig Jahre nach seinem Gemälde Das Frühstück der Familie Lavergne zu diesem zurückkehrte und eine exakte Kopie in Öl anfertigte.

Warum ist das „Frühstück“ so wichtig?

Wie die National Gallery im Mai 2020 mitteilte, wurde das Werk zusammen mit zwei weiteren Bildern zwei weiterer Zeitgenossen Liotards, Thomas Gainsboroughs Porträt von Margaret Gainsborough mit einer Theorbe (um 1777) und Sir Thomas Lawrence‘ Porträt des Hon. Peniston Lamb (um 1790), erworben. Diese drei Gemälde erwarb die National Gallery aus dem Nachlass von George Pinto im Rahmen des Acceptance in Lieu-Programms. Der Kunstliebhaber und -sammler George Pinto (1929-2018) war ein Mäzen der National Gallery und ein Treuhänder der Wallace Collection. In seinen Häusern in Kent und Knightsbridge bewahrte er eine erlesene Sammlung von Gemälden auf, die er geerbt hatte, und bewunderte besonders die Werke von Liotard. Seine Kollegen bei der Handelsbank Kleinwort Benson, wo er viele Jahre lang Direktor war, beschrieben ihn als intelligent und wunderbar exzentrisch.

Das Frühstück der Familie Lavergne zeigt eine leuchtende Morgenszene mit einer elegant gekleideten Frau und ihrer Tochter, die noch Lockenwickler aus Papier im Haar trägt und Kaffee und Schokolade genießt, zu jener Zeit exklusive und luxuriöse Getränke. Liotard baut geschickt Schichten aus dickem, nassem Pastell auf, um die Illusion von Spiegelungen auf der silbernen Kaffeekanne und dem chinesischen Porzellan zu erzeugen. Obwohl es sich bei dem Frühstück nicht um ein Porträt im eigentlichen Sinne handelt, werden die Dargestellten seit langem mit der Familie Lavergne in Verbindung gebracht, die mit Liotard verwandt war und in Lyon lebte, und es ist wahrscheinlich, dass es sich bei den Dargestellten um Liotards Nichte und eine ihrer Nichten handelte. Das Pastell wurde 1755 von Viscount Duncannon (1704-1793), Liotards wichtigstem Mäzen, gekauft und befindet sich seitdem in Großbritannien.

Das berühmte Bild befindet seit Oktober 2018 als Leihgabe in der Galerie und ist das zweite Werk von Jean-Etienne Liotard (1727-1788), das in die Sammlung der National Gallery aufgenommen wurde.

Wer war Liotard?

Der Maler selbst stammt aus einer französischen Hugenottenfamilie ab, lebte bis zu seinem Tod in Genf. Zeitweilig verbrachte er auch seine Tage in WIen, wo u.a. das Schokoladenmädchen entstand, welches nun in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister hängt. Auch Venedig, Amsterdam, London, Paris und Darmstadt gehörten zu sienen Lebenspunkten. Nach vier Jahren in Konstantinopel ließ er sich einen langen Bart wachsen, nahm die türkische Kleidung an und gab sich den Spitznamen „der türkische Maler“. Seine Arbeiten wurden v.a. am Wiener Hof und in Versailles hoch geschätzt. Während er in siener aktiven Reisezeit durch Europa noch viele Porträts und Miniaturen anfertigte, wandte er sich in seinem Spätwerk dem Stillleben zu.

Discover Liotard and the Lavergne Family Breakfast

Bis zum 3. März 2024

Sunley Room

National Gallery London

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