Sozial gemalt – Spaniens Kunst um 1900 kommentiert Wandel

Daniel Thalheim

Wie überall in Europa durchlebte die Malerei einen Wandel. Die Künstler gingen dazu über, die sozialen und wirtschaftlichen Prozesse nach den Napoleonischen Kriegen abzubilden und zu kommentieren. So auch in Spanien, wo der Transformationsprozess zu einer säkularen Gesellschaft sich am krassesten und am schnellsten entwickelte. Unter der jahrhundertlangen Fuchtel des katholischen Regimes stehend, brachen während der Industrialisierung die Zerwürfnisse innerhalb der Gesellschaft auf.

Ein Land im Wandel

Besonders in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts erlebte Spanien bedeutende soziale Veränderungen in einer turbulenten Zeit, in der die Arbeiter in den Werken und Betrieben ihr Klassenbewusstsein entdeckten und sozaile Gerechtigkeit forderten. Gleichzeitig verlor das Land seine überseeischen Kolonien endgültig, wie es sich am Bürgerkrieg in Mexiko mit der Erschießung Kaisers Maximilians I. 1867 deutlich gezeigt hat. Die Entwicklung der Kunst in ihren verschiedenen Erscheinungsformen verdeutlicht nicht nur am Beispiel Spaniens die Aufnahme neuer Themen und eine andere stilistische Behandlung. Die Malerei bietet in dieser Epoche des Aufbruchs einen systematischen Inhalt für Themen, die zum ersten Mal die Realität aller Gesellschaftsschichten betreffen; arbeitende Frauen, Demonstrationszüge, historische Begebenheiten, Straßenszenen, Interieurs, Firmenlandschaften, rauchende Schlote, das Leben auf den Boulevards.

Der Siegeszug des mit der Fotografie konkurrierenden naturalistischen Stils, verleiht der Darstellung von alltäglichen Dingen, die mit objektiver Wahrhaftigkeit behandelt werden, eine Bedeutung, die mit der des naturalistischen Romans vergleichbar ist. Nach der Verleihung der Ehrenmedaille der Pariser Weltausstellung für Luis Jiménez Arandas (1845-1928) Bild Ein Krankenhauszimmer während des Besuchs des Chefarztes griffen spanische Künstler diese alltägliche Themen auf, wobei Joaquín Sorolla (1863-1923) besonders hervorstach. Daneben gab es eine expressivere Reaktion, zu der Künstler wie Darío de Regoyos, Isidro Nonell und Pablo Picasso gehörten, die in den offiziellen Kanälen keinen Erfolg hatten, aber an die modernere Erneuerung anknüpften, die zu dieser Zeit in Paris und anderen europäischen Hauptstädten in Gang war. Auch in den anderen Künsten, wie der Bildhauerei und der Grafik, war dieser doppelte Ansatz zu beobachten.

Was wird im Prado in Madrid im Sommer 2024 gezeigt?

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern war diese auf dem Naturalismus basierende künstlerische Ausrichtung in Spanien trotz ihrer Entwicklung nicht Gegenstand spezifischer Ausstellungen. Die im Madrider Prado von Mai bis September 2024 stattfindende Ausstellung mit dem Titel Arte y transformaciones sociales en España (1885-1910) bietet daher zum ersten Mal eine Annäherung an diese Frage anhand einschlägiger, aber wenig bekannter Werke, die auch Arbeiten auf Papier, Fotografie und Kinematografie umfassen.

Die Nationalen Ausstellungen der Schönen Künste bildeten den Rahmen, in dem die Maler ihre großen Gemälde der sozialen Malerei produzieren konnten. Der Staat erwarb viele der bei diesen Ausstellungen prämierten Werke bis 1894 für das Prado-Museum.

Arte y transformaciones sociales en España (1885-1910)

Museo Nacional del Prado.

Madrid 21.5.2024 – 22.9.2024

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