Caspars ikonisches Werk – Wo Einsamkeit und Weite sich treffen

Daniel Thalheim

2021 fand der jüngste Rückblick auf das einzigartige Schaffen des Malers in Leipzig und in Düsseldorf statt. Oder war’s 2023 in Hamburg? Jedenfalls können Kunstfreunde in diesen Jahren Caspar David Friedrich pur erleben. Nun auch an den Staatlichen Kunstsammlungen in Berlin und am Pommerschen Landesmuseum in Greifswald. Bis Anfang August gibt sich das Werk des außergewöhnlichen Malers in der Hauptstadt die Ehre, in Greifswald ist Friedrich als Kind dieser Stadt weitaus mehr als nur eine Sättigungsbeilage.

Ein Romantiker, der mehr als nur romantisch ist

Caspar David Friedrichs Werk wurde seit seiner Wiederentdeckung als „romantisch“ bezeichnet und in das Feld von Zeitgenossen gestellt, die ebenfalls das Etikett „romantisch“ aufgedrückt bekamen. Als typisch romantisch werden Sujets gruppiert in denen kaum bis keine Menschen zu sehen sind, die Landschaft im Brennpunkt steht und – das ist bei Friedrich so bemerkenswert – jene Landschaften zu Seelenlandschaften stilisiert werden. Wir finden uns in den künstlerischen Landschaften mal wohl, mal nicht. Wir werden mit der Vergänglichkeit konfrontiert, mit den Abläufen der Jahreszeiten, die den Lebenszeiten gleichgesetzt werden. Besonders Friedrichs Arbeiten lassen uns inne halten, bringen uns zum Nachdenken. Wir halten seine Bilder für ganz besondere Werke, weil sie uns imme rnoch berühren. Er wird dies anders gesehen haben.

Denn wer sich seine Seestücke anschaut, seine Landschaften betrachtet, stellt mitunter Parallelen zu den niederländischen Meistern des 17. und 18. Jahrhunderts fest. Segel, Boote, Schiffchen sowie Wolken und Himmel sind typische Sujets der Niederländer. Bei seinen Zeitgenossen muss man schon in die Biografien blicken um Schulen, künstlerische Einflüsse und Abfolgen erkennen zu können. Bei Friedrich treten uns Nord- und Ostsee direkt vor Augen. Gleichzeitig ist es bei ihm auch wiederum schwer direkte Einflüsse in Form von Lehrern und Einflussgebern, wie historische Vorbilder, auszumachen. Seine Sonnenuntergänge, seine Gegenlichtdarstellungen, bewölkten und mitunter mondbeschienenen Himmel, seine schemenartig umrissenen Darsteller und anonymen Gegenden und Schiffe machen ihn in Europa einzigartig. Sein Schaffen scheint durchdrungen von einer stoisch erscheinenden Philosophie durchzogen zu sein, die uns zeitlos in allen Jahrhunderten seit seiner Existenz entgegentreten und zu uns sprechen. Viele andere Meister seiner Zeit treten eher als Dokumentare und Archivare an uns heran. Friedrich ist mehr.

250 Jahre Friedrich an Alter Nationalgalerie in Berlin und in Greifswald

Bis Anfang August 2024 zeigt die Alte Nationalgalerie in Kooperation mit dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin erstmals eine große Ausstellung zum Werk des bedeutendsten Malers der deutschen Romantik. Die Ausstellung bringt den Besuchern über sechzig Gemälde und über fünfzig Zeichnungen Friedrichs aus dem In- und Ausland nahe. Darunter befinden sich weltberühmte Ikonen wie „Das Eismeer“ (1823/24) aus der Hamburger Kunsthalle, „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818/1819) aus dem Kunst Museum Winterthur, „Hünengrab im Schnee“ (1807) aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die „Lebensstufen“ (1834) aus dem Museum der bildenden Künste Leipzig.

Die Ausstellung „Caspar David Friedrich. Unendliche Landschaften“ stellt die Rolle der Nationalgalerie bei der Wiederentdeckung der Kunst Friedrichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts heraus. Um 1900 boomte der „Friedrich“ als malerischer Nationalheld im Reigen der Preußischen Kriege, der schwedischen Besetzung Vorpommerns und der sogenannten Reichswiedervereinigung. Die preußischen Könige udn Sammler holten „den Friedrich“ in die Hauptstadt Berlin. Die alten Bärte sind weg und „der Friedrich“ ist immer noch da. Moderner denn je. Die Berliner Nationalgalerie bewahrt eine der größten Friedrich-Gemälde-Sammlungen weltweit. Bereits zu Lebzeiten des Künstlers trugen zahlreiche Erwerbungen und öffentliche Präsentationen in der preußischen Hauptstadt zu seinem ersten frühen Ruhm bei. Seit zweiter Ruhm trug ihn vom späten Kaiserreich über die Nazis zur DDR. Seit einiger Zeit erlebt „der Friedrich“ seinen dritten Frühling.

Blicken wir zurück, würdigte die Nationalgalerie mit der legendären „Deutschen Jahrhundertausstellung“ 1906 den Künstler mit 93 Gemälden und Zeichnungen so umfassend wie nie zuvor. Nach den Revolutionen 1830 und 1848 geriet der Maler in öffentliche Vergessenheit. Friedrich wurde seit dieser Zeit kurz vorm Ersten Weltkrieg als herausragender Maler von Licht und Atmosphäre und viel später als Vorreiter der Moderne gefeiert. So auch in der Nationalgalerie Berlin, wo Hiroyuki Masuyama (*1968) sich mit dem Schaffen des Romantikstars auseinandersetzt.

Grafische Wanderungen und Sehnsuchtsorte in Greifswald

Das Pommersche Landesmuseum besitzt eine umfangreiche Sammlung an Originalmaterialien aus Caspar David Friedrichs Leben und Werk weltweit. Sie umfasst sechs Gemälde, mehr als sechzig Zeichnungen und Druckgrafiken sowie zahlreiche Archivalien und Briefe. Die Sonderausstellung „Lebenslinien“ präsentiert die umfangreichen Bestände des Museums erstmals nahezu geschlossen und bringt sie in einen Dialog mit Kostbarkeiten wie dem Taufeintrag von 1774 und zusätzlich geliehenen Arbeiten als besonderen „Geburtstagsgästen“, um so den Weg Friedrichs von den ersten zeichnerischen Gehversuchen bis zum malerischen Spätwerk nachzuzeichnen.

Sein Hauptwerk „Kreidefelsen auf Rügen“ steht ab Mitte August im Pommerschen Landesmuseum im Brennpunkt des 250. Geburtstagsjubiläums des Künstlers. Das weltberühmte Gemälde, das normalerweise im Schweizer Winterthur zu Hause ist, wird Anfang Oktober in Greifswald sieben Wochen lang und zum ersten Mal überhaupt in Friedrichs Heimatregion ausgestellt. Angesichts dieser Tatsache überschlagen sich die Kunsthistoriker und Kuratoren vor Freude. In Verbindung mit weiteren Meisterwerken des Künstlers wie den Darstellungen des „Greifswalder Hafens“ und der „Ruine Eldena im Riesengebirge“ erschließt die Ausstellung seine „Sehnsuchtsorte“ in Schwedisch-Pommern und darüber hinaus. Wie in Berlin wird der Dialog von Friedrichs Werk mit einem zeitgenössischen Künstler geübt. Die Friedrich-Hommage des Fotografen Volkmar Herre, der die „Kreidefelsen“ und ihre Anziehungskraft mit der Camera obscura neu vor Augen führt, erweitert den Blick auf Friedrichs Schaffen und seinen Einfluss bis heute.

Caspar David Friedrich blieb Greifswald zeitlebens eng verbunden. Hier verbrachte er seine erste Lebensphase. Eines der eindrücklichsten Zeugnisse dafür ist das in Hamburg aufbewahrte Gemälde „Wiesen bei Greifswald“. Für die Sonderschau holt das Pommersche Landesmuseum das Bild an die Ostsee zurück und stellt es ins Zentrum des Jubiläumjahres. Friedrichs Verbindung zu seiner Vaterstadt wird so noch einmal ins Licht gestellt. Die Besucher können den Weg zum fertigen Gemälde mit den Augen und den Hirnsynpasen nachvollziehen. Die Präsentation wird von zeichnerischen Vorarbeiten, Stadtansichten seiner Zeitgenossen wie auch einer Raumcollage zum Erkunden von Friedrichs Wiesenlandschaft ergänzt.

Beitragsbild

Caspar David Friedrich, Mondaufgang am Meer, 1822
Öl auf Leinwand, 55 x 71 cm
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Fotograf: Jörg P. Anders

Caspar David Friedrich
Unendliche Landschaften

Bis 04.08.2024
Alte Nationalgalerie

Caspar David Friedrich. Lebenslinien

Bis 04.08.2024

Pommersches Landesmuseum Greifswald

Caspar David Friedrich. Sehnsuchtsorte

18.08.2024 bis 06.10.2024

Pommersches Landesmuseum Greifswald

Caspar David Friedrich. Heimatstadt

16.10.2024 bis 05.01.2025

Pommersches Landesmuseum Greifswald

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