Für ein besseres Miteinander – Wie Architektur sozialisieren kann

Daniel Thalheim

Soziales Ansinnen in der Baugeschichte hat es schon lange gegeben, bevor wir uns philosophisch darüber Gedanken machen. Archäologen grubbern immer wieder Wohnanlagen aus grauen Vorzeiten aus, wo sie in den Räumlichkeiten durchaus Unterschiede in ihren Nutzungen feststellen. Die Steinzeitmenschen haben doch nicht mit ihrem Vieh in einem Stall gelebt, könnte die einhellige Meinung lauten, obwohl in späteren Zeiten solche Mischwohnformen durchaus praktiziert wurden. Die Autoren Teddy Cruz und Fonna Forman haben sich vor einigen Jahren Gedanken gemacht, wie beispielsweise schon jetzt das Wohnen sozial und gesellschaftlich entspannt auf ein neeus Level gehoben werden kann. In ihrem Buch Socializing Architecture führen sie den Leser durch spannende Entwürfe und Projekte, welche die Vereinzelungsstratgien der Wohnmaschinen des 20. Jahrhunderts hinter sich lassen.

Wie Umfelder auf Seele und Verhalten abfärben

Die Plattenbausiedlungen und Satellitenstädte in städtischen Großräumen wie Berlin und Leipzig müssen in der DDR Zeit zwischen den 1960er und 1980er Jahren ein Segen für viele Menschen gewesen sein. Ein Segen deshalb, weil neue Standards mit den Waschbetonneubauten eingeführt wurden, die die Menschen nur selten bis gar nicht in den Vorkriegsaltbauten der Gründerzeit besaßen; fließendes Warmwasser, Wanne, Dusche, Innenklosett, wohlige Wärme ohne Kohlenschleppen. Um den Wohnschachteln erstreckten sich große Grünanlagen, einige Einkaufsmöglichkeiten, KiTas und Schulen. Hinzu kommen noch verkehrsstrukturelle Anbindungen mit Auto und ÖPNV. Leider sind diese mitunter kleinen Wohnungen auch nur eine Fortsetzung dessen gewesen, was im 19. Jahrhundert gezielt begann; Mietskasernenmentalitäten schaffen. Dazu kommen noch Einsparungen in Material und Ressourcen. Das eigentliche Ansinnen, für die arbeitende Bevölkerung ein angenehmes Wohnumfeld zu schaffen, hat irgendwie nicht funktioniert. Hinter sich wird die Tür abgeschlossen, nachbarschaftliche Kommunikationsebenen wurden mehr und mehr ausgeschaltet. Umfeld färbt ab; vor allem wenn diese Plattenbausiedlungen gesellschaftlich einseitig bezogen werden. Will heißen, ein Austausch zwischen den Menschen findet nicht statt. Weil wirtschaftlich schwach gestellte Menschen oftmals heutzutage in diesen Siedlungen leben, erhalten diese doch noch wertvollen Siedlungen den Anstrich mit dem schlimmen Wort Ghettoisierung. Außerdem spielt der Wohnort in beruflicher Hinsicht eine Rolle. Diskriminierung ist vorprogrammiert. Das muss nicht sein, sagen Cruz und Forman im Subtext ihres 2022 erschienenen Bandes Socializing ArchitectureTop Down Bottom Up.

Die Lösung ist die Gemeinschaft

Schon in der Antike zählte die soziale Struktur innerhalb einer Stadt. Kurze Wege, Handel, Gewerbe und Gewerke waren straßenweise organisiert. Diese Art der Strukturbildung wure bis ins frühe 20.Jahrhundert beibehalten, dann begann im Zuge der Reformstile das Bauen von reinen Wohnquartieren bzw. reinen Handels- und Industriequartieren. Die sozialen Komponenten des Berufs und Lebens wurden und werden voneinander getrennt.

Was das Buch an Ansätzen bietet, sind rein architektonischer Art mit der Überbevölkerung Herr werden zu wollen. Wir sehen in Bottom Up Beispiele wie aus Müll und Schrott Favelas, bzw. Ghettos gebaut werden können. Wir sehen Micro Urban Gardening Lösungen, welche in Deutschland aufgrund der Schrebergartenkultur bereits vorhanden sind. Wir sehen kleinteilige Handelsstrukturen, die platzsparend in Megacities unterkommen, wir sehen Lösungen wie die Natur ins Bauen integriert werden kann. Lösungen, die wir in West- und Osteuropa bereits vor einhundert Jahren ihre ersten Ausläufer sehen. Das Buch bietet Ansätze, wie in der Dritten Welt „neu“ gewohnt werden kann, und welche Alternativen zu den Baufehlern des 20. Jahrhunderts (Wolkenkratzerkultur, Betonierung, Verdichtung) gefunden werden können.

Heutiges Bauen bedeutet Konfliktkultur

Überbevölkerung ist das Thema von Socializing ArchitectureTop DownBottom Up. In dem das Buch visuell und inhaltlich sich mit dem Bauen für die Masse beschäftigt, wie Menschen nicht allein gelassen und nicht zurückgelassen werden, schwebt im Kern mit, welche kalten Mechanismen im Kapitalismus greifen. Wir waren schon weiter, zumindest im Wohlstandseuropa und im Wohlstandsamerika des 19. und 20. Jahrhunderts. Soziale Strukturen in Städten entstehen und wachsen durch Kleinteiligkeit und Nähe. Diese Strukturen sind im Zuge der Globalisierung weg gefallen, sind zusammen gebrochen und wurden eliminiert. In Deutschland sind die Handels- und Handwerksviertel weggefallen. Berufswege, Karrierechancen wurden abgeschnitten und mit den Mechanismen einer kalten Personal- und Recruitingkultur ersetzt. Familien und Freundeskreise werden entzweit, was zum großen Teil in der anglo-amerikanischen Kultur begründet ist, aber auch durch die letzten beiden Weltkriege.

Vereinzelung, Konfliktbereitschaft, Ausgrenzungen gehören zu den Paradigmen des Bauens des späten 20. Jahrhunderts durch ideologische Ideen, die aus dem Sozialen Bauen des 19. Jahrhunderts entwachsen waren. Diese architektonische Entgrenzungs- und Entfremdungskultur wurde in Ost wie West im Nachkriegseuropa – auch von Architekten – vorangetrieben. Was die beiden Buchautoren Cruz und Forman wollen, ist einen Paradigmenwechsel aufzuzeigen, Lösungen anzubieten.

Die Menschen wollen, und können sich besinnen. Sich besinnen wieder zu den kurz- und kleinteiligen Strukturen zurückzukehren. Ihnen wird der Schritt noch blockiert. Ihnen die Mittel und Fördermöglichkeiten zu geben, wird eine Rückkehr zum Menschsein in städtischen Strukturen ermöglichen.

Teddy Cruz & Fonna Forman

Socializing Architecture, Top Down – Bottom Up

Hatje Cantz, 2022.

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