Daniel Thalheim
Wer war der Maler Friedrich?
Eberhard Rathgeb hat sich mit dem Romantik-Star ausgiebig beschäftigt. 2023 erschien sein Buch „Maler Friedrich“. Er geht auf den Grund, warum uns Friedrichs Werk heute umso mehr beschäftigt als vor über hundert und fast zweihundert Jahren. Als Kind seiner Zeit bezeichnet Rathgeb den jungen Caspar David Friedrich. Der Autor zieht Linien, wie die Zeit um 1800 tickte; Napoleon, Philosophie, Preußen, Protestantismus, Nationalgedanke, Beginn der Industrialisierung, die Globalisierung beginnt im Kolonialismus, Schweden zieht sich aus Norddeutschland zurück, Deutschland beginnt sich zu formieren. Dazwischen steht der Maler, der in seinen Bildern uns Einsamkeit, Weite, Sehnsucht vermittelt wie kein anderer Maler dieser Epoche. Da ist aber der Friedrich, der protestantisch, fast schon pietätisch erzogen wurde; sparsam, reinlich, selbstgenügsam. Doch auch ein anderer Friedrich tritt uns in Rathgebs Buch vor Augen; jemand, der nicht hart und schwer arbeiten musste. Jemand, der Bildung kennenlernte und seinen Begabungen nachgehen durfte, im elterlichen Hause auch Förderung erfuhr. Zumindest steht das Bild einer typischen Handwerkerfamilie mit vielen Kindern im Raum, wo wirtschaftliche Einkünfte und die finanzielle Würde offenbar wichtige Pfeiler des Denkens und Handels der Eltern von Caspar David Friedrich ging. Und offenkundig dachte der Vater des begabten Sohnes so weit, dass er ihm eine Ausbildung finanziert, wohlwissend darüber, der Sohn habe künftig bessere Lebensumstände als seine Eltern zu Lebzeiten. Sein Vater machte Karriere vom Seifensieder zum Kaufmann.
Und da war noch Caspars Bruder, der ihn, den späteren Maler, vorm Ertrinken aus dem kalten Wasser des Greifswalder Boddens rettete und bei der Rettungsaktion selbst ums Leben kam. Es ist anzunehmen, dass Caspar David Friedrich danach sein Leben lang religiöse Epitaphe schuf, um eben seinen Bruder in Erinnerung zu halten und seinen frühen Tod zu verarbeiten. Daher die „moderne“ Bildsprache, die Einsamkeit, die Weite, die Suche nach Gott. Dass Friedrich mit seiner Bildsprache seiner Zeit weit voraus war, wird uns heute erst bewusst. Was wurde in sein Werk hinein interpretiert; Philosophie, Nationalismus, Ästhetik.
Heute steht uns dieser Maler mit seinem Werk fast schon näher als mancher zeitgenössischer Maler. Friedrich schwamm nicht mit dem Zeitgeist, wie eine eindrucksvolle Ausstellung vor einigen Jahren im Museum der bildenden Künste in Leipzig zeigte. Er war auch kein Influencer wie andere seiner Zeitgenossen. Friedrich bildete seine Bildsprache fast schon in klösterlich anmutenden Umständen aus, hermetisch von den meisten äußeren Einflüssen abgeschirmt.
Die metaphysische Macht der Natur
Mit Caspar David Friedrichs Bildern lässt sich wunderbar über die romantische Naturphilosphie reden. Die Auseinandersetzung mit der Natur des Metaphysischen ist ein Forschungszweig der Kunstwissenschaften. Im Online Lexikon Naturphilosophie steht, dass die romantische Bewegung sich als individualisiertes, weit verzweigtes, übernationales und disziplinen-übergreifendes Netzwerk von Akteuren und Programmen erweise, das sich im ausgehenden 18. Jahrhundert formiert hat und mit vielen Verzweigungen bis ins 19. Jahrhundert reichte. Romantische Naturansichten gibt es wie es Philosophen und Künstler gibt. Jeder hat sein eigenes Erklärungsmodell.
Kurzum; alles das was Natur ist, wird wie es war. Der Komponist Ludwig van Beethoven war ein hoffnungsvoller Romantiker, die Literat Friedrich Hölderlin udn Novalis waren welche, und auch Caspar David Friedrich muss einer gewesen sein. Sie eint wie sehr Emotionen und philosophische Ansichten auf die Natur in ihren Werken durchdrungen waren. Sie treten uns klar als romantische Liebeserklärungen an die Natur entgegen. Umso deutlicher wird es bei Friedrich, aber nicht nur bei ihm. Malerei, die der Romantik zugeordnet wird, und dazu können wir nahezu alle realistischen und naturalistischen Themen vom 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert nehmen, reflektiert, wie tief sich die Maler mit der Natur verbunden fühlten und wie fasziniert sie von ihr waren. Natur fungiert nicht als Bühne für antike Mythen, Historiendramen und Liebesgeschichten, wie wir sie noch in der Renaissance und im Barock sehen und erleben dürfen. Die Natur wird bei diesen Malern – von den wirbelnden Lichtaquarellen William Turners bis hin zu den somnambulen Kaskaden von Max Ernst – als lebendiges, emotionales und spirituelles Wesen begriffen. Nicht nur ihre Werke vermitteln uns Gefühle der Erhabenheit, der Melancholie und des Überwältigenden. Diese Bilder ziehen uns in den Bann, genauso wenn wir uns den Himmel in einer klaren Winternacht betrachten, mit all ihren Galaxien, Sternhaufen, Planeten und Sternen.
Buchtipp:
Eberhard Rathgeb
Berenberg, Berlin 2023






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