Ikonisches Bild der Romantik – Der Heuwagen von John Constable

John Constable ist, neben William Turner, einer der Superstars der britischen Romantik. Der Abkömmling der Royal Academy Of Arts verstand es wie kein anderer die englische Landschaft so in Szene zu setzen wie er. Doch anders als Caspar David Friedrich in Deutschland überhöhte Constable nicht die Landschaft als Ausdruck eines seelischen Zustands. Seine Detailtreue und Realitätsnähe stellt ihn in die Gefolgschaft der Alten Meister aus den Niederlanden. Nun erzählt die National Gallery in London die Geschichte seines wohl berühmtesten Gemäldes – „Der Heuwagen“.

Wie ein Sujet sich wandeln kann

Die Kuratoren der National Gallery bringen in der kommenden Schau einige Skizzen der Szene zusammen, die der Künstler über zwanzig Jahre vor der Herstellung des fertigen Werks in seinem Londoner Atelier anfertigte.

Wie unterschiedlich zeitgenössische und im Nachgang gebildete Betrachtungen sein können, zeigt ein Bild in die Quellen. Als Besucher im frühen 19. Jahrhundert Constables „Heukarren“ sahen, fanden manche seine wahrheitsgetreue Vision der Landschaft von Suffolk radikal. Heute, über 200 Jahre später, gilt das Gemälde als traditionelles Bild der englischen Landschaft. Dieser festgefrorene und voreingenommene Status hat verschiedene Künstler und Aktivisten dazu veranlasst, das Gemälde neu zu interpretieren, zu bearbeiten und darauf zu reagieren; insbesondere im Licht unseres sich ändernden Klimas. Um die Geschichte des „Heukarren“ zu erzählen, wird die National Gallery auf ihrer Reise durch die Landschaft Englands an der Wende zum 19. Jahrhundert andere Werke von weiteren Künstlern zusammenbringen, die Constable selbst bewunderte, und Bilder, die von Künstlern als Reaktion auf sein eigenes Gemälde geschaffen wurden.

Die Geschichte des Heuwagens

Um zu verstehen, warum sich der Blick auf den „Heuwagen“ wandelte, muss man in die Geschichte reisen. Anfangs sorgte das Bild überhaupt nicht für Aufregung. Als es 1821 das erste Mal in der Royal Academy ausgestellt wurde, fand es nicht einmal einne Käufer. In Paris hingegen wurde dem Gemälde drei Jahre später mehr Aufmerksamkeit zuteil. Der Maler Théodore Géricault besprach es wohlwollend, es fand schließlich – mit einer von König Charles X. vergebenen Goldmedaille ausgezeichnet – einen Käufer. Über mehrere Besitzer gelangte es wieder nach England und 1886 als Schenkung an die National Gallery in London. 2013 wurde der „Heuwagen“ auch Teil einer politischen Aktion als ein Aktivist das Gemälde mit einem Foto von einem kleinen Jungen beklebte. Das Bild erlitt keinen Schaden. Anders jedoch 2022 als weitere Umweltaktivisten dieses Gemälde mit einer apokalyptischen Version davon anbrachten und sich selbst am Rahmen des Bildes klebten.

Constable als Teil der englischen Bewegung

Anhand von Gemälden wie George Morlands „Aufbauender Sturm“ und dem stimmungsvollen Licht von William Mulreadys Hufschmiedewerkstatt betrachten die Londoner Kuratoren, in welcher Weise Constables Zeitgenossen ländliche Szenen schufen. William Blakes mystische Werke entführen die Besucher in das Reich der spirituellen Landschaft, während sie auf der anderen Seite die poetische und politische Landschaft durch zeitgenössische Poesie und Drucke erleben.

Die Romantik ist kein starrer Begriff, der fest eingefahrene Sujets einfordert. Die Romantik zeigt uns auf wie individuell Künstlerinnen und Künstler ihre Bildprogramme planten und umsetzten – Constable gehört daher einer traditionellen Gruppe an, wohingegen William Turner und William Blake ganz neue Erfahrungswelten beim Betrachter öffnen. Trotz seiner traditionellen Ausrichtung besitzt der „Heuwagen“ alle Eigenschaften eines romantischen Bildes; angefangen von der Abwendung von der beginnenden Industrialisierung und der Zuwendung hin zu einem idyllischen Naturbild bis hin zu einem geschichtstradierten Bewusstsein – Zuwendung zu den Alten Meistern, alte Maltechniken. Daher besitzt Constables Manier auch lyrische Züge, die den zeitgenössischen Betrachtern den Horizont für gewisse ewig geltende Malprogramme öffnen sollen. Die Landschaftsmalerei, insbesondere das Zeigen von idyllischen Bauernhöfen, Dörfern und Städtchen, tritt in England ebenfalls diametral in Konkurrenz zur aufkeimenden Industrie.

Titelbild: Detail from John Constable, ‚The Hay Wain‘, 1821 © The National Gallery, London.

Discover Constable & The Hay Wain

17. Oktober 2024 – 2. Februar 2025

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