Als die Moderne begann – Eine Ausstellung blickt in die Anfänge des Impressionismus

Daniel Thalheim

Wer sich für die bunt geklecksten, farbenfroh und sonnenhellen Szenerien auf den Pariser Boulevards, Stränden und Parks nicht verpassen will, sollte bis Mitte Januar 2025 seine Chance in der National Gallery Of Art in Washington aufsuchen. Hier bietet sich die einmalige Chance, in die dynamische Pariser Kunstszene von 1874 einzutauchen.

Was ist Impressionismus und warum begann er?

Eine der wichtigen Fragen der Ausstellung Paris 1874: The Impressionist Moment ist der Start dieser einzigartigen Kunstbewegung, die auch Deutschland und Benelux ergriff und auch in Osteuropa Fuß fassen konnte, selbst in Italien, Skaninavien und England Protagonisten hervorrief. Die impressionistische Bewegung als geschlossene Einheit startete faktisch aus Trotz gegenüber der elitär empfundene Salonmalerei und den dazugehörigen Vereinsausstellungen. Ausschlaggebend war jedoch der Maler Claude Monet (1840-1926) und sein Bild Impression, Sunrise von 1874. Dieser in industriell gefertigten Ölfarben aus der Tube, bzw. dicken Farbaufstrichen und Tupfen gefertigte Moment gilt als Geburtstunde des Impressionismus. Die Künstlervereinigung, die sich La Société anonyme des artistes peintres, sculpteurs et graveurs nannte, war eine am 27. Dezember 1873 von Künstlern gegründete Vereinigung, die eng mit den damaligen Impressionisten zusammen arbeitete und ihre Werke der Öffentlichkeit frei zugänglich machte. Die von diesem Tag unterzeichnete Charta der Gesellschaft weist auf den expliziten Verkaufsauftrag, der anlässlich der Première exposition des peintres impressionnistes wirksam wurde. Die Impressionisten wurden durch diese Schau erst sichtbar, und ihre Kunst konnte jedermann kaufen.

Zentrum der Society war das Atelier des Karikaturisten und Fotografen Félix Tournachon (1820-1910), am Winkel der Rue Daunou et du boulevard des Capucines. Seiner Meinung nach schlug der Maler Edgar Degas (1834-1917) vor, die anonyme Gesellschaft La Capucine zu taufen. Obwohl dieser Name nur der Titel eines berühmten Liedes der Revolution von 1789 war, lehnten andere Zeichner seine Idee ab und versuchten, die öffentliche Bühne für das Ausstellungsprojekt zu öffnen, das sich genau auf den Moment konzentrierte, in dem der Salon für Malerei und Bildhauerei entstand. Zu Ruhm gelangten die Impressionisten dank der unfreiwilligen Schützenhilfe eines französischen Journalisten udn Kunstkritikers; Louis Leroy (1812-1885) veröffentlichte eine vernichtende Kritik mit dem Titel Die Ausstellung der Impressionisten. In Leroys Artikel kratzen sich zwei vermeintlich skeptische Betrachter am Kopf angesichts der ausgestellten Werke. Einer von ihnen will Monets Gemälde kommentiert haben: „Tapeten im embryonalen Zustand sind fertiger als dieses Seestück.“ Leroy verwendete den Begriff Impressionist abwertend. Er entwickelte sich zum Schlachtruf für Künstler wie Berthe Morisot (1841-1895), Auguste Renoir (1841-1919), Alfred Sisley (1829-1899), Camille Pissarro (1830-1903)und andere. Künstler_Innen, die in der laufenden Schau in New York mit 130 Werken vertreten sind.

Was macht impressionistische Malerei aus?

So neu war der impressionistische Stil jedoch nicht. Kunstwissenschaftler wissen, dass gerade im Barockzeitalter – heute noch von Rubens bspw. überlieferte – Ölskizzen angefertigt wurden, um einen flüchtigen ersten Eindruck einer Landschaft oder einer Situation zu vermitteln, um sie zu einem Gemälde ausarbeiten zu können. Wir wissen auch, dass Künstler wie Rembrandt einen plastisch gemalten Stil in ein fertig ausgeführtes Gemälde transferrierten. Von Malern wie Carl Blechen wissen wir, dass er bereits einen impressionistischen Duktus verfolgte.

Als die Impressionisten Mitte der Siebziger Jahres des 19. Jahrhunderts erstmals ihre Werke ausstellten, war die Académie des Beaux-Arts noch der Geschmacksrichter. Sie übte ihren Einfluss durch die jährliche Pariser Ausstellung, den Salon, aus. Die Akademiker, allen voran die Historienmaler, bevorzugten präzise Zeichnungen, sorgfältig ausgeführte Kompositionen und glatt bearbeitete Oberflächen. Die impressionistischen Maler brachen mit dieser Tradition endgültig. Sie erhoben die Skizze zum fertigen Kunstwerk, sie verbargen ihre Pinselstriche nicht. Sie verwendeten abgehackte Striche und Tupfer unvermischter Farben. Sie verbargen nicht die Tatsache, dass ihre Werke aus dem Material Farbe bestanden. Sie suchten nicht nach einer Illusion der Realität. Wir können den dicken und unregelmäßigen Farbauftrag in ihren Gemälden ertasten, wenn wir ihre Gemälde berühren dürften. Anders als auf den glatt ausgeführten Bildern wie von Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867) und anderen Meistern des 19. Jahrhunderts. Eine nahezu damals dreihundert Jahre währende Tradition, die Realität mittels der nachgeahmten Stofflichkeit widerzuspiegeln wurde durch die Impressionisten durch die Gesetze der Optik und Neurologie ausgehebelt – was zählt ist der individuelle Eindruck beim Betrachter, und viel wichtiger; es braucht keine Detailverliebtheit um das vollständige Bild als Eindruck in den Gehirnen zu projizieren. Der Künstler gibt von nun an die Eingebung vor, nicht das Ergebnis. Die Stofflichkeit der Erscheinung wurde durch die Impressionisten mit der Stofflichkeit des Materials ersetzt.

Der dritte Aspekt, worauf es den Impressionisten ankam, war der in Farbe eingefangene Moment. Impressionistische Bilder sind keine Atelierstücke, sondern entstanden vor Ort im Geschehnis, in der Situation, in der Oper, in den Ballettschulen, Salons, Wirtshäusern, auf den Boulevards, in der Landschaft. Auch der Künstler wurde für die Öffentlichkeit sichtbar, wenn er so direkt im und mit dem Publikum arbeitete. Erleichtert wurde diese Vorgehensweise durch zwei Errungenschaften der Industrialisierung; die Eisenbahn und die Chemie; also den Tubenfarben. Mit dem Schienennetz in Paris und Umgebung konnten die Maler schnell zu ihren Zielen und Sujets fahren, die Tubenfarben machten Ölfarben haltbar und transportabel. Natürlich fertigten vor der impressionistischen Bewegung Künstler Natur- und Landschaftsstudien im Freien an. Doch sie nahmen die gezeichneten und skizzierten Eindrücke ins Atelier und arbeiteten diese aus. Dieses Vorgehen formt Malerei zur auf Leinwand gebannten fiktionalen Realität, während es den Impressionisten um die reine Realität ging; Licht und Form als Moment festzuhalten. Eine Art Schnappschuss in Öl.

Daher riet Claude Monet damals jungen Malern: „Wenn Sie malen gehen, versuchen Sie, die Objekte vor Ihnen zu vergessen, einen Baum, ein Haus, ein Feld oder was auch immer. Denken Sie einfach: Hier ist ein kleines blaues Quadrat, hier ein rosa Rechteck, hier ist ein gelber Streifen, und malen Sie es genau so, wie es Ihnen erscheint, in der genauen Farbe und Form, bis es Ihren eigenen naiven Eindruck der Szene vor Ihnen wiedergibt.“

Der vierte Punkt, was den Impressionismus so radikal neu und anders macht als die Malerei, die vorher in den Salons stattfand, war der Realitätsbezug. Die Impressionisten stellten das moderne Leben in den Mittelpunkt ihrer Kunst. Sie wurden zu Reportern der Klassischen Moderne, des Aufbruchs der Industriekultur, des Städtewachstums, der Freizeitaktivitäten, des Lebens auf der Straße. Zuvor hatte die Académie eine strenge Themenhierarchie befolgt. Auf höchster Ebene sollte die Kunst eine moralische Erzählung darstellen: aus der Geschichte, der Bibel oder mythologischen Geschichten. Doch die Impressionisten wandten sich von diesen Themen ab. Stattdessen versuchten sie, den gegenwärtigen Moment einzufangen, eine Zeit enormer Umwälzungen. Paris erholte sich gerade vom Deutsch-Französischen Krieg und einem kurzen, aber brutalen Bürgerkrieg. Die Stadt wurde zu einer modernen Metropole wiedergeboren. Sie diente als Kulisse für Freizeitaktivitäten der Mittelklasse wie Bootsfahrten und Pferderennen, Ballett und Oper. Die neuen Eisenbahnen wurden zu Toren für den Genuss der Natur auf dem Land.

Die Porträtierten der Impressionisten erscheinen uns nicht in glamourösen Posen gemalt, sondern in den Momenten dazwischen. Sie ruhen oder sind in Gedanken versunken. Sie werden in neu erhältlicher Konfektionskleidung statt in luxuriöser Mode gezeigt. Sie sind keine reichen Mäzene, sondern Freunde, Verwandte oder Arbeiter. Für Betrachter, die an großartige Gemälde wichtiger Personen und dramatischer Ereignisse gewöhnt sind, wirkten diese Werke durch und durch modern.

Beitragsbild: Claude Monet, Impression, Sunrise, 1872, oil on canvas, Musée Marmottan Monet, Paris, gift of Eugène and Victorine Donop de Monchy, 1940, Inv. 4014. © Musée Marmottan Monet, Paris / Studio Christian Baraja SLB

Paris 1874: The Impressionist Moment

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September 8, 2024 – January 19, 2025
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