Sighard Gille – Ein Buch über Stadt, Geschichte und Selbstverwirklichung

Daniel Thalheim

Sighard Gilles Werk begleitet mich seit den frühen 1980er Jahren. Bereits damals war er in Leipzig omnipräsent – nicht nur in Galerien, Museen und Ausstellungshallen, sondern als sichtbare, lebendige Figur des kulturellen Lebens. Gille gehörte zu jenen Persönlichkeiten, die man in der Stadt kannte, traf, wahrnahm: auf dem Augustusplatz, im Umfeld des Museums der bildenden Künste, in Gesprächen, in der Öffentlichkeit. Im Kunstunterricht, wenn wir Steppkes im Kunstmuseum saßen und Bilder von Leipziger Malerinnen und Malern analysieren sollten. Später traf ich ihn mehrmals persönlich – nur kurz – im Rahmen von Vernissagen im Museum der bildenden Künste.

Diese Nähe macht die Lektüre von Uwe M. Schneedes Zeitbilder zu einer besonderen Erfahrung. Das Buch ist für mich keine Erstbegegnung, sondern eine vertiefende, reflektierende Wiederannäherung an ein Werk, das über Jahrzehnte hinweg Teil der Leipziger Alltags- und Kulturgeschichte war – und geblieben ist.

Gesang vom Leben – Gewandhaus, Augustusplatz und kulturelles Gedächtnis

Im Zentrum dieser Wahrnehmung steht für mich Gilles monumentales Deckengemälde Gesang vom Leben im Leipziger Gewandhaus. Sein Werk ist nicht nur ikonisch, sondern ikonografisch am genau richtigen Ort platziert. Der Augustusplatz war bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg Standort des alten Museums der bildenden Künste. Hier befand sich einst ein zentraler Ort der Kunstbetrachtung, der Sammlung, der ästhetischen Bildung.

Die Nähe zur Universität, deren kunsthistorische Fakultät mit ihrer bedeutenden Bibliothek lange Zeit eines der wichtigsten Zentren der deutschen Renaissanceforschung darstellte, verlieh diesem Ort zusätzliche kulturelle Tiefenschärfe. In dieser historischen Konstellation stand auch Max Klingers Beethoven-Skulptur in enger inhaltlicher und symbolischer Korrespondenz zu diesem Ort – ein Beziehungsgeflecht, das durch Gilles Werk gleichsam neu aktiviert wird.

Schneede arbeitet diese kulturellen Schichtungen überzeugend heraus und zeigt, wie Gilles Gewandhausgemälde nicht nur ästhetisch, sondern auch erinnerungspolitisch funktioniert: als visuelle Rekonstruktion eines verlorenen urbanen Gedächtnisraumes.

Gille als Stadtfigur – Kunst im Alltag

Was Schneede besonders gelungen einfängt, ist die Rolle Gilles als öffentliche Figur. Er ist – ähnlich wie Bernd-Lutz Lange, Bernd Heise, Kurt Masur, Arno Rink oder Neo Rauch – ein genuin Leipziger Künstler. Einer, den man sah, traf, kannte. Keine entrückte Atelierfigur, sondern präsent im Stadtleben. Selbstporträts, Porträts und Doppelporträts von Freunden, Künstlern, Menschen. 

Diese Sichtbarkeit prägt auch die Wahrnehmung seines Werkes: Gille ist kein elitäres Phänomen, sondern Teil einer gelebten Stadtkultur. Seine Präsenz im Museum der bildenden Künste war stets selbstverständlich, seine Auftritte selbstverständlich erwartet. Dadurch entstand ein direkter, fast alltäglicher Zugang zu Kunst – eine Qualität, die heute selten geworden ist.

Vom Gegenständlichen zum expressionistischen Kosmos

Besonders überzeugend zeichnet Schneede Gilles künstlerische Entwicklung nach: vom stärker gegenständlich geprägten Frühwerk hin zu einer zunehmend freien, expressiven, farbintensiven Bildsprache.

Diese Entwicklung erscheint nicht als stilistische Kapriole, sondern als konsequenter innerer Prozess. Gille löst sich von Erwartungen – institutionellen wie rezeptiven – und folgt zunehmend seiner eigenen künstlerischen Notwendigkeit. Gerade hierin liegt die eigentliche Würde seines Werks: die Bereitschaft, sich selbst permanent infrage zu stellen und neu zu formulieren.

Diese Bewegung hin zu einem stark subjektiven, emotional verdichteten Expressionismus empfinde ich als besonders authentisch. Sie zeigt einen Künstler, der nicht verwaltet, sondern riskiert – und gerade dadurch seine künstlerische Wahrheit findet.

Generationen und Selbstverwirklichung

Im Buch nicht erzählt: ein faszinierender Aspekt ist auch Gilles Rolle als Vater einer Tochter, die bewusst einen völlig anderen Weg geht: als Musikerin und Moderatorin, jenseits der bildenden Kunst. Diese klare Abgrenzung vom übergroßen künstlerischen Vater wirkt nicht als Bruch, sondern als gelungene Emanzipation – und verweist auf ein künstlerisches Umfeld, das Freiheit nicht nur fordert, sondern ermöglicht.

Auch hierin zeigt sich ein durchgängiges Motiv: die Idee der Selbstverwirklichung als höchster künstlerischer Wert – bei Gille selbst wie in seinem familiären Umfeld.

Analyse, Würdigung, Kontextualisierung

Uwe M. Schneedes Sammlung von Gilles Werken aus fünfzig Jahren verbindet kunsthistorische Analyse, biografische Einbettung und kulturgeschichtliche Kontextualisierung auf überzeugende Weise. Zeitbilder ist weder bloße Monografie noch akademische Abhandlung, sondern eine kenntnisreiche, zugängliche Annäherung an ein Werk, das ostdeutsche, gesamtdeutsche und europäische Kunstgeschichte gleichermaßen spiegelt.

Besonders gelungen ist die Balance zwischen analytischer Distanz und spürbarer Wertschätzung. Schneede vermeidet Pathos, ohne die Bedeutung Gilles zu relativieren. Das Buch liest sich als würdige Hommage an einen Künstler, der Leipzig und die deutsche Malerei nachhaltig geprägt hat.

Sighard Gille. Zeitbilder ist ein ebenso fundiertes wie berührendes Buch. Für Leserinnen und Leser mit Leipzig-Bezug eröffnet es einen reichen Resonanzraum zwischen Stadtgeschichte, persönlicher Erinnerung und künstlerischer Entwicklung. Für kunstinteressierte Leser bietet es einen tiefen Einblick in ein Werk, das weit über regionale Bedeutung hinausweist.

Für mich ist dieses Buch vor allem eines: ein Erinnerungsraum. Ein Raum, in dem sich Stadt, Kunst, Geschichte und persönliche Erfahrung überlagern – und genau darin liegt seine große Stärke.

Beitragsbild: Sighard Gille – Zeitbilder; Foto: Artefakte Journal 2026. Copyright: Seemann-Henschel / Sighard Gille.

Sighard Gille – Zeitbilder: im Verlag Seemann-Henschel und im regulären Buchhandel erhältlich.

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