Allegorisches in Potsdam – Wie Blinde die Nackten führen

Daniel Thalheim

Die kommende Ausstellung schafft ein Bild von fast biblischer Wucht, das uns in den Ausstellungsräumen begegnet, und doch wirkt es erschreckend modern. Der Titel – Die Blinden führen die Nackten – hallt nach wie das Echo eines antiken Chores, der das Unheil der Gegenwart besingt. Hier begegnen sich zwei Schwergewichte der zeitgenössischen Malerei: Hans Aichinger, der Meister der lasierten Stille, und Matthias Kanter, der die Klarheit der Moderne fragmentiert. Doch was sie uns zeigen, ist mehr als eine kunsthistorische Fingerübung. Die Ausstellung, die uns in den Räumen der Reiter Galerie in Potsdam gezeigt wird, ist die Diagnose einer Gesellschaft, die einerseits Bodenhaftung verliert und andererseits zu sehr mit dem Gesicht zu Boden gedrückt wird.

Im Reich der Halbblinden

Man kennt das alte Sprichwort: „Unter den Blinden ist der Einäugige König.“ In unserer ausstellungsbezogenen Lesart müssten wir den Spruch wohl präzisieren: Der Blinde ist der König unter den Nackten. In einer Welt, die vor Komplexität und digitalem Rauschen flimmert, ist die totale Sehkraft ohnehin eine Illusion. Wir alle tasten. Doch die Blinden sind jene, die behaupten, im Nebel die Konturen einer neuen Ordnung zu erkennen. Sie besitzen gerade, wie extrem kurzsichtige Menschen, genug Sehvermögen, um eine Richtung vorzugeben, aber nicht genug Weitsicht, um den Abgrund am Ende des Weges zu sehen.

Diese Blinden sind die Ideologen unserer Zeit, die lautstarken und selbstgewissen Navigatoren in den sozialen Netzwerken und Nachrichten, die uns mit absoluter Gewissheit durch die Ungewissheit führen wollen. Sie tragen die Krone der Halbwahrheit. Und wer folgt ihnen?

Die Schutzlosigkeit der Nackten

Mit dem allseits bekannten Bild erweitert sich die klassische Allegorie des Bruegel’schen Blindensturzes um eine existenzielle Komponente: Die Nacktheit. In der Malerei von Hans Aichinger begegnen uns Figuren, die oft wie auf einer Bühne isoliert wirken, beleuchtet von einem vagen Licht, das keine Wärme spendet, sondern nur die Kontur schärft. Diese Menschen sind nackt – nicht unbedingt im physischen Sinne, sondern in ihrer sozialen und psychischen Entblößung.

Die „Nackten“ unserer Gesellschaft sind jene, die ihre Gewissheiten verloren haben. Sie sind schutzlos gegenüber den ökonomischen Verwerfungen, den Identitätskrisen und der schleichenden Entfremdung. Wer nackt ist, friert; er sucht Wärme, Deckung und Führung. Die Tragik unserer aktuellen Konflikte liegt darin, dass sich die Schutzlosen an die Blinden klammern. Es ist eine fatale Symbiose: Die Blinden brauchen die Gefolgschaft, um ihre eigene Orientierungslosigkeit zu kaschieren, und die Nackten brauchen die Führung, um ihre nackte Angst zu vergessen.

Der Dialog der Räume: Aichinger und Kanter

Matthias Kanter setzt dieser Stille eine andere Wucht entgegen. Seine Arbeiten, die teilweise sich aus den Farbräumen der Renaissance und des Barock speisen, wirken wie quirlige Spielwiesen. Er übersetzt das Altmeisterliche in die Gegenwartsmalerei, in die abstrakte Figürlichkeit, die jedoch sinnentleert scheint. Wenn Kanter skulpturale Figuren in den Raum stellt, dann wirken sie wie die erstarrten Monumente jener Halblinden, die einst glaubten, die Geschichte lenken zu können.

Aichingers Lasurmalerei hingegen erzeugt eine „abstrakte Distanz“. Seine Figuren stehen im leeren Raum der Baumwollspinnerei, isoliert wie wir alle in unseren Social-Media-Filterblasen. Wenn Aichinger das Licht setzt, dann ist es kein göttliches Licht der Erkenntnis, sondern ein Scheinwerferlicht, das die Verletzlichkeit des Individuums betont.

Die Gesellschaft im Stolperschritt

Übertragen wir diese Allegorie auf unsere gesellschaftlichen Konflikte, zeigt sich ein beunruhigendes Muster. Ob in den Debatten um den Klimawandel, die Migration oder die digitale Transformation: Wir beobachten oft ein Schauspiel, in dem die Lautesten (Blinden) die Verunsicherten (die Nackten) anführen.

  • Der Blinde sieht die Realität nicht, wie sie ist, sondern wie er sie sich ertastet hat. Er verweigert den Blick auf die Ambivalenz.
  • Der Nackte hat keine Resilienz mehr. Er hat seine kulturelle oder soziale Haut verloren und folgt dem Erstbesten, der ihm Schutz verspricht.

Der Konflikt entsteht dort, wo verschiedene Kolonnen von Blinden aufeinanderprallen. Jeder Zug behauptet, den einzigen Weg aus der Dunkelheit zu kennen, während die Nackten zwischen den Fronten zerrieben werden. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, gemalt mit der Präzision eines Leipziger Meisters und der Wucht barock-moderner Farbgewalt aus bunt hingepurzelten Formen.

Die Rückkehr der Sehkraft

Was lehrt uns die Gegenüberstellung von Aichinger und Kanter? Vielleicht, dass wir innehalten müssen. Bevor wir der nächsten „halblinden“ Majestät folgen, müssen wir unsere eigene Nacktheit akzeptieren – nicht als Schwäche, sondern als radikale Ehrlichkeit. Die Kunst verlangt uns ab, genau hinzusehen, die „abstrakte Distanz“ zu wahren, um das Ganze wieder in den Blick zu bekommen.

Solange die Blinden die Nackten führen, führt der Weg unweigerlich in den Graben, den schon Bruegel vor Jahrhunderten malte. Doch in der konzentrierten Stille einer Ausstellung liegt die Chance: das Licht nicht nur als Effekt zu sehen, sondern als Werkzeug der Aufklärung. Wir müssen lernen, wieder selbst zu sehen – auch wenn das Licht manchmal schmerzt.

HANS AICHINGER  /  MATTHIAS KANTER  |  DIE BLINDEN FÜHREN DIE NACKTEN

7.3. – 12.4. 2026   |   KUNSTRAUM POTSDAM
POTSDAM  |  SCHIFFBAUERGASSE 4D
ERÖFFNUNG  |  7. MÄRZ  16 – 18 UHR

Hinterlasse einen Kommentar