Weichzeichnerische Lebensfreude – Von Johannes Raphael Wehle ist kaum etwas bekannt

Daniel Thalheim

Warum tun sich Kunsthistoriker schwer mit der Kunstgeschichte? Ich bin selbst ein ausgebildeter Kunsthistoriker und Historiker. Zwar habe ich nicht die Weihen des Doctor philosophicus erhalten, dennoch möchte ich mein Studium, meine Zeit am Institut für Kunstgeschichte in Leipzig ehren indem ich immer wieder, soweit es mir möglich ist, mir Personen und Zusammenhänge vornehme, die es verdient haben, erwähnt zu werden. Der Dresdner Maler Johannes Raphael Wehle ist so ein Künstler, den heute wohl kaum jemand kennt und einem womöglich nur als Flohmarktfund oder Postkarte über den Weg kommt. Dabei ist er als historische Person recht interessant. Sein Werk tritt ins Gefolge großer Maler. Wer sich tiefer mit ihm beschäftigt, stellt fest, dass seine Anspruchslosigkeit in seinen Sujets durchaus mit dem Zeitgeist des endenden 19. Jahrhunderts deckt. Die große Geste eines Max Klingers oder/ und Otto Greiners hatte er versucht, ging aber nach einer ablehnenden Beurteilung einen weniger sperrigen Weg. Doch wer war Johannes Raphael Wehle eigentlich?
Wer seinen Namen in den Internetsuchmaschinen sucht, wird kaum fündig. Wehle besitzt keinen Wikipedia-Eintrag wie andere sächsische Romantiker der ersten und zweiten Riege, wie Julius Schnorr von Carolsfeld, Ludwig Richter, Adolf Ehrhard und Erwin Oehme. Erst in der zweiten Metaebene, den Bibliotheksservern der Universität Heidelberg und der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek in Dresden sowie auf „Google Books“ wird man seiner fündig. Dort stößt man bspw. auf eine österreichische Anthologie über Leute öffentlichen Interesses aus dem Jahr 1886. Da wird Wehle erwähnt, und das nicht zu knapp. Seine bis dato bekannte Biografie wird erzählt. Seine Illustrationen und Aquarelle, die er vornehmlich für Illustrierte anfertigte, auch. In einem 2020 von Conny Dietrich veröffentlichten Buch über Max Klinger erhält man in einer Fußnote eine Randnotiz über Wehles Wirken in einer Ortschaft bei Zwickau. Die Online-Aktionshäuser führen seine Werke ebenfalls, meist Aquarelle, Zeichnungen, Drucke. Natürlich hilft der Kunstwälzer Thieme-Becker-Vollmer ebenfalls weiter. Aber wer hat ihn schon zuhause stehen?

Wie konnte Wehle vergessen werden?

Das Problem Wehles, wie vieler anderer Künstler der damaligen Zeit auch, ist seine Beliebigkeit. Seine künstlerische Position hatte er, mit wenigen Zugeständnissen an ein intellektuelles bzw. religiöses Publikum, dem Zeitgeist angepasst. Heimatbezüge, locker-leichte Themen wie ein Spaziergang im Kornfeld, Jesus mit seinen Jüngern, in historische Kontexte eingebettete Liebespaare waren für ihn das Maß der Dinge. Beliebte Kontexte; um die weibliche Gunst buhlende Jäger mit schnüffelndem Hund, Mutter mit Kind, spielende Kinder. Themen, die viele Künstler, die wie Wehle für die zahlreichen illustrierten Zeitschriften tätig waren, anpackten. Mal seicht, mal anzüglich, mal heiter.
Wehle besaß die besten Voraussetzungen, nicht vergessen zu werden. Er kam als Sohn eines Dresdners Bezirksgerichtsassessors und Rechtsanwalts, Robert Wehle, früh in Kontakt mit der Malerei. Robert Wehle war selbst Kunstmaler und begeisterter Kunstliebhaber. Er erteilte seinem Sohn den ersten Kunstunterricht, bevor im Alter von 16 Jahren an die Dresdner Kunstakademie aufgenommen wurde. Unter der Anleitung von illustren Professoren, dem Nazarener Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) dem spätromantischen Maler Ludwig Richter (1803-1884), dem Leipziger Historienmaler Karl Wilhelm Schurig (1818-1874), Carl Gottlieb Peschl (1798-1879) und dem Vertreter der Düsseldorfer Schule, Adolf Ehrhard (1813-1899), bestand er sein Grundstudium. Sein Meisterstudium erhielt er von Prof. Erwin Oehme (1831-1907). Der Sohn des Landschaftsromantikers Ernst Ferdinand Oehme (1797-1855) sollte Wehles größter Einfluss werden. Wehle selbst war während seines Studiums in der Dresdner Königlichen Gemäldegalerie tätig und holte sich dort weitere künstlerische Inspirationen.
1866-67 setzte er sich mit von Dresdnern und englischen Kunsthändlern vermittelten Kopien Alter Meister künstlerisch auseinander. 1868 begab sich der gerade mal 20-jährige Wehle nach Weimar, wo er bei dem belgischen Historienmaler und für seine Lutherdarstellungen bekannte Wilhelm Ferdinand Pauwels (1830-1904) weiter studierte. Dort entstanden seine ersten größeren Werke, wie u.a. „Episode aus der Gefangenschaft der Maria Stuart“. Ihm wurde aufgrund der realistischen Darstellungsweise dieses Bildes das Stipendium für die Reise nach und den Aufenthalt in Rom verwehrt. W. verlegte daraufhin seinen künstlerischen Fokus auf gefälligere Motive. Bald fand er eine Klientel in adeligen Kreisen und im Kunsthandel. Weichzeichnerische Motive wie „Backfischchen“, „Violetta“ und „Frühling“ fanden schnellen Absatz. Genau diese Ausrichtung bzw. Feinjustierung trieb ihn in die Bedeutungslosigkeit. Wehle verdiente mit seinen Illustrationen zwar Geld, konnte aber nie künstlerisch so deutlich sich scharf absetzen wie später nach ihm Max Klinger und Otto Greiner, bzw. einer seiner größten Schüler; der Maler George Grosz.

Bild: Johannes Raphael Wehle, Halali, Öl auf Leinwand, SW-Repro, in: Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann, 59.1927.

Wehles Lebensweg scheint von Aufträgen und seiner Lehrtätigkeit geprägt gewesen zu sein. 1872 ging er mit zwei Aufträgen nach Berlin. Auftraggeber war der Hofrat Hans Hanfstängl. Auch nach München verschlug es ihn im selben Jahr, um auch dort weitere Gemälde bei einem Kunsthändler in den Verkauf zu geben. In München erkrankte er schwer, dass er sich in die Alpen zu einer Kur begeben musste. Nach seiner Krankheit siedelte er am 6. Oktober 1873 nach Wien um. Im Zuge des Börsenkrachs 1873 setzte auch auf dem Kunstmarkt die Rezession ein, Wehle verlegte sich auf das Illustrieren, Aquarellieren und Holzschnittarbeiten, arbeitete u.a. in Wien für die „Neue Illustrierte Zeitung“. Weitere Aufträge erhielt er von Zeitschriften wie die „Gartenlaube“, „Über Land und Meer“, „Daheim“, im „Neuen Blatt“ und „Von Fels zu Meer“. Heitere und leichte Szenen aus dem Leben wurden sein Markenzeichen. Er illustrierte auch Gedichte, wie u.a. Werke von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) und G. Roquette. 1888 nahm er die Professur an der Leipziger Akademie der bildenden Künste an und war in Leipzig für fünf Jahre bis 1894 als Kunstmaler und Lehrer tätig. Danach kehrte er als Kunstlehrer an die Dresdner Kunstakademie zurück und hatte bis 1919 Schüler wie George Grosz (1893-1959) betreut. Für die 1896 errichtete Stenner-Kirche in Lichtentanne-Schönfels malte er die Porträts Luthers und Melanchtons an der Südwand zwischen den Fenstern. 1907 schuf er das Wandgemälde für den Ratshaussitzungssaal in Hainichen mit dem Titel „Ein Vorgang aus der Geschichte der dortigen Stadt / Episode aus dem Siebenjährigen Kriege“. Das Gemälde hat im neu eingerichteten Beratungsraum im Rathaus seinen Platz gefunden.
Warum wurde Johannes Raphael Wehles Werk vergessen? Zeitlebens war er für seine heiteren und bürgerlichen Motive bekannt. Szenen aus dem Leben wie das 1925 entstandene „Am Kornfeld“ hat er bis zu seinem Ableben perfektioniert. Garten- und Ausflugszenen, entweder mit Kinderdarstellungen oder Familien und Paaren, arbeitete er schon wie Postkartenmotive aus. Von seinen historisierenden, realistischen Darstellungen mit seinen scharf geschnittenen Figuren und Gewändern („Maria Stuart“) entwickelte er im fortschreitenden Alter einen impressionistischen Duktus. Seine Motive blieben weichzeichnerisch und ohne jedwede Tiefe, sieht man von einigen religiösen Werken ab wie das um 1900 entstandene „Und sie folgten ihm nach, Jesus und seine Jünger wandeln durchs Korn.“. Eine große kunstwissenschaftliche Beschäftigung und Anerkennung erhielt Wehles Schaffen und seine künstlerische Position nie, sei es in einer Monographie oder mit einer Ausstellung. Wichtig ist, dass Wehle in Gefolge Oehmes stand, der ebenfalls für seine weichzeichnerischen und historisierenden Arbeiten bekannt war. Wehles Wirken verbrachte wohl eher als Kopie über eine Wohnzimmercouch hängend als im Museum im Kontext der romantischen Bewegung in Sachsen, die in Dresden ihr Zentrum besaß.

Bild: Johannes Raphael Wehle, Halali, Öl auf Leinwand, SW-Repro, in: Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann, 59.1927.

Bild: Johannes Raphael Wehle, Wer das Glück hat, fährt die Braut heim, Öl auf Leinwand, SW-Repro, in: Daheim — 53.1916-1917, S.1715, Kunstbeilage.

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