Caravaggios letztes Bild: Die Geheimnisse des Martyriums der Heiligen Ursula

Daniel Thalheim

Die Geschichte um Caravaggios letztes Gemälde ist mindestens so spannend wie die verschwörungstheoretischen Stories um Leonardos Letztes Abendmahl in Dan Browns Actionkrimireihe. Im Mai 1610 arbeitet der italienische Barockstar in Neapel an seinem letzten Bild, und stirbt im Juli desselben Jahres unter mysteriösen Umständen. Das Martyrium der Heiligen Ursula gehört, eingebettet in seinem Spätwerk, zu seinen stärksten und eindrucksvollsten Arbeiten.

Gewalt unter szenischer Beleuchtung

Nur wenige Gemälde sind besser geeignet, die Geschichte von Caravaggios letzten Jahren zu erzählen, als sein letztes bekanntes Werk, Das Martyrium der Heiligen Ursula (1610, Gallerie d’Italia, Neapel). Das Gemälde kommt dieser Tage zum ersten Mal seit 20 Jahren nach London.

Die Betrachter dieses theaterhaft inszenierten Schaustücks werden Zeugen von Gewalt aus unangenehmer Nähe. Caravaggio zeigt uns ein kompliziertes Zusammenspiel von schuldigen und unschuldigen Händen. Sein eigenes Selbstporträt schaut hilflos zu. Nach einer Version der Legende der Heiligen Ursula wurden sie und ihre elftausend jungfräulichen Gefährtinnen von den Hunnen gefangen genommen. Die elftausend Jungfrauen wurden abgeschlachtet, aber der Hunnenkönig war von Ursulas Bescheidenheit und Schönheit überwältigt und bat sie um Vergebung, wenn sie ihn nur heiraten würde. Ursula antwortete, dass sie das nicht wolle, woraufhin der König sie mit einem Pfeil durchbohrte.

Die weniger grausame Provenienz

Caravaggio malte die Heilige Ursula für Marcantonio Doria, einen 25-jährigen Adligen aus Genua. Doria war ein begeisterter Sammler von Caravaggios Werken geworden und gab das Gemälde anlässlich des Eintritts seiner Stieftochter in einen Orden als Schwester Ursula in Auftrag. Das Gemälde kann kurz vor dem 11. Mai 1610 festgelegt werden, als Dorias Prokurist in Neapel, Lanfranco Massa, seinem Meister schrieb, jenes Gemälde sei fertig. In seinem Testament vom 19. Oktober 1651 vermachte Marcantonio seine Kunstsammlung seinem ältesten Sohn Nicolò, Prinz von Angri und Herzog von Eboli. Der Nachlass wurde 1832 von Maria Doria Cattaneo nach Neapel übertragen. Das Gemälde ist im Inventar des Nachlasses von Giovan Carlo Doria aufgeführt, das 1854-55 im Palazzo Doria d’Angri allo Spirito Santo in Neapel aufgenommen wurde.

Turbulente letzte Jahre Caravaggios

Caravaggio war im letzten Quartal im Jahre 1609 aus Sizilien in Neapel eingetroffen. Innerhalb weniger Tage wurde er vor einem Restaurant von vier bewaffneten Männern überfallen. Dieser Anschlag führte zu Gerüchten, er sei getötet oder im Gesicht entstellt worden. Wahrscheinlich ist, dass der Maler lange Zeit brauchte, um sich zu erholen. Daher ist es schwierig, mehr als eine Handvoll Werke mit diesem zweiten Aufenthalt in der Stadt zu verbinden. Seine Heilige Ursula kann eindeutig während seines Neapelaufenthaltes identifiziert werden. Nicht nur Schriftquellen geben darüber Auskunft, sondern auch Caravaggios Kompositionshandschrift.

In Sizilien hatte er noch das mit der Enthauptung Johannes‚ des Täufers eingeführte Kompositionsschema fortgesetzt, eine kleine Figurengruppe, die von einer massiven Architektur überragt wird. Mit seiner Ursula kehrte er zu einer Szene zurück, die den Betrachter direkt ins Geschehnis bringt und teilhaben lässt, und zwar genau in dem Moment, in dem der Hunnenkönig seinen Pfeil abschießt und Ursula mit einem Ausdruck leichter Überraschung auf den Schaft blickt, der aus ihrer Brust herausragt. Rechts und hinten starren einige Schaulustige schockiert, einer von ihnen, das nach oben gewandte Gesicht hinter Ursula, ist offenbar Caravaggio selbst. Jeder, der das Gemälde gesehen habe, sei fassungslos gewesen, berichtete damals Dorias Agent. Doria selbst mag froh gewesen sein, seinen Lieblingskünstler zu sehen, der trotz aller Gerüchte nicht gezeichnet wurde.

Die Heilige Ursula ist eines der letzten Gemälde, die Caravaggio kurz vor seinem Tod gemalt hat. Die Todesumstände bleiben bis heute unklar. Im Juli 1610 machte er sich mit einem Schiff auf den Weg, um vom Papst eine Begnadigung für seine Beteiligung am Tod eines jungen Mannes in einem Duell im Jahr 1606 zu erhalten. Doch statt der Begnadigung starb er in Porto Ercole an der Küste nördlich von Rom. Fieber wird als Ursache genannt. Was das Fieber verursacht hat, streiten sich die Experten.

Fakt ist, dass seine Heilige Ursula seinem charakteristischen Stil folgt, wo er eng geschnittene Szenen und dramatische Beleuchtungen einsetzt.

Ein kleiner Hingucker in der National Gallery London

Dieses Gemälde wird vom 18. April bis 21. Juli 2024 zusammen mit dem Brief, der seine Entstehung beschreibt (Archivio di Stato, Neapel), sowie mit dem galerieeigenen Caravaggio-Gemälde Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers (um 1609-10) gezeigt.

The Last Caravaggio

18. April – 21. Juli 2024

Room 46

National Gallery London

Eine Antwort zu „Caravaggios letztes Bild: Die Geheimnisse des Martyriums der Heiligen Ursula“

  1. Avatar von Caravaggio in Rom – Was die Malerei von Michelangelo Merisi so einzigartig macht – Artefakte

    […] bedeutende Leihgabe aus der Sammlung Intesa Sanpaolo – aus der Gallerie d’Italia Napoli – Das Martyrium der Heiligen Ursula, Merisis letztes Gemälde, das er kurz vor seinem Tod schuf. Weitere großartige Bilder schuf er […]

    Like

Hinterlasse einen Kommentar