Daniel Thalheim
Nach über zwei Wochen bleibt es in Sachsen-Anhalt ruhig. Die Blauen mit dem roten schweif haben einen Erdrutschsieg hingelegt, aber ohne echtem Machtanspruch. das Feuilleton ergoss im vorfeld der landtagswahlen Argumente gegen einen Abschnitt des AfD-Wahlprogramms, in dem von Kürzungen am Bauhaus Museum in Dessau die Rede ist. Dass dieser Wunsch ein Trugschluss ist, zeigt sich an mehreren Aspekten.
Bauhaus – Ein Förderprojekt von internationaler Strahlkraft
Trotz oder gerade wegen der jüngsten polemischen Entladungen aus der blau-braunen Ecke erlebt das Bauhaus einen massiven Publikumserfolg. Die Stiftung Bauhaus Dessau feiert im Jahr 2026 das große 100-jährige Jubiläum des Umzugs von Weimar nach Dessau. Allein die Eröffnung der großen Jubiläumsausstellungen unter dem Motto „An die Substanz“ zog im April und Mai 2026 fast 50.000 Menschen an. Mit dieser Zahl verzeichnet das Bauhaus einen Besucherzuwachs von zwanzig Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hinzu kommt die Internationale Strahlkraft der Klassischen Moderne in Deutschland im frühen Zwanzigsten Jahrhundert: nicht nur das Bauhaus gilt weltweit als fundamentale Architekturikone der Moderne. Doch wie keine andere Kunsthochschule und Kunstbewegung der 1920er und frühen 1930er Jahre beeinflusste das Bauhaus das Internationale Bauen mit seinen versachlichten Funktionen und Designs im Wesentlichen – bis heute. Die aktuelle Debatte um die AfD hat in der öffentlichkeit das Bewusstsein dafür gestärkt, sodass kulturreisende aus aller Welt – wie etwa aus den usa oder china – demonstrativ nach Dessau reisen, um das UNESCO-Welterbe zu unterstützen und zu erleben.
Auch die bundesdeutsche Kultur formatiert sich gegen Kürzungspläne
Die substanzlosen Drohungen der AfD haben laut Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu einer selten da gewesenen Mobilisierung und Solidarisierung im deutschen Kulturbetrieb geführt. Das Bauhaus-Manifest 2026 gilt als historisches Zeichen der Entschlossenheit, bei dem sich kulturverbände, stiftungen und kultureinrichtungen dafür einsetzen, im Falle die von den Rechtspopulisten angedrohten Mittelkürzungen finanziell und organisatorisch abfedern wollen. Das Bauhaus stünde dadurch nicht mehr isoliert da, sondern wäre Kern eines bundesweiten Schutznetzwerks für die Kunstfreiheit. Dieses Manifest ist bereits aktiviert und schützt das Bauhaus vor einem Einstellen seines Kulturbetriebs.
Woher die AfD ihre Ablehnung gegen das Bauhaus und die Klassische Moderne des 20. Jahrhunderts ableitet
Als „Irrweg der Moderne“ bezeichnete die AfD-Fraktion den Stil, der in Deutschland entwickelt wurde, brachte in der jüngsten vergangenheit immer wieder im Landtag von Sachsen-Anhalt Anträge ein, in denen das Bauhaus als „globalistischer Einheitsbrei“ und „Zeichen einer Identitätsstörung“ attackiert wird.
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Hans-Thomas Tillschneider warf den befürwortern der beliebten Architektur- und Designströmung vor, für eine „Entwurzelung“ des Bauens zu stehen, darüber vergessend wie international das Neue Bauen damals bereits war. In den Niederlanden, Großbritannien, Palästina (heutiges Israel), in den USA, Mexiko, Frankreich und Spanien öffneten sich damals ebenfalls neue Linien der künstlerischen Sprache. Gerade die Position, Bauhaus sei „antideutsch“, öffnet den Fokus auf eine Debatte, die es schon einmal gab.
Die historischen Parallelen im Detail
Die heutigen Argumente und Begriffe der AfD-Politiker in Sachsen-Anhalt sind im Kern identische Wiederholungen der kulturpolitischen Grabenkämpfe aus der Weimarer Republik und der Frühphase des Nationalsozialismus. Der Architekt und völkische Kulturpolitiker Paul Schultze-Naumburg (1869-1949) war der schärfste zeitgenössische Gegner des Bauhauses. Er prägte den Begriff des „Heimatschutzes“ im reaktionären Sinne und wetterte gegen das Flachdach als „undeutsch“ und „orientalisch“. Für ihn war die Bauhaus-Architektur ein Zeichen für den Verlust von Heimat und Rasse – exakt die Argumentation, die heute hinter dem AfD-Begriff der „Entwurzelung“ steht.
Die AfD ist in Sachsen-Anhalt auch in der Kulturdebatte nicht weit von ihrer Mutterpartei NSDAP entfernt: in den 1920er Jahren war das Flachdach nicht nur eine baurechtliche oder ästhetische Frage, sondern galt als politisches Bekenntnis. Konservative und völkische Kreise sahen im Steildach das Symbol für das sogenannte deutsche Wesen und im Flachdach den „Kulturbolschewismus“. Wenn die AfD heute das Bauhaus als „Zeichen einer Identitätsstörung“ bezeichnet, belebt sie genau diesen alten Kulturkampf um die sogenannte nationale Identität neu.
Was die Blau-Braunen ausblenden, ist ein anderer Aspekt, den sie vielleicht nicht wahrhaben wollen. In den frühen 1930er Jahren existierte im NS-Regime tatsächlich ein Flügel um Joseph Goebbels und den NS-Studentenbund, der den deutschen Expressionismus und teilweise auch die funktionale Moderne, wie das Bauhaus, als „nordisch“, „dynamisch“ und damit als „ausdrucksstark deutsch“ gesehen hat und entsprechend propagandistisch vereinnahmen wollte. Sie argumentierten, diese Stile seien revolutionär und passten zum „Aufbruch der Nation“. gescheitert ist diese linie an adolf hitler, dessen ästhetik sich an französischem-römisch-antikem klassizismus orientierte.
Was von der Debatte übrig bleibt
Eine von der AfD geführte regierung kann mit ihren kulturpolitischen Plänen scheitern – und nach dem aktuellen Stand der Dinge wird sie das in Sachsen-Anhalt auch. Die AfD hat zwar mit 43,8 Prozent ein historisch starkes Ergebnis erzielt und ist stärkste Kraft geworden. Für eine absolute Mehrheit reicht es jedoch nicht, weil alle anderen Parteien eine Koalition mit ihr strikt ablehnen. Selbst eine Minderheitsregierung wird schwer möglich sein. Weil die AfD nicht auf den Regierungsbänken sitzt, hat sie keine direkte Exekutivmacht. Sie kann den Landeshaushalt nicht umschreiben.
Sie vermag auch anderes nicht umsetzen. Die Finanzierung für das Bauhaus bleibt gesichert. Ohne Regierungsbeteiligung kann die Blaupartei keine eigenen Leute in den entscheidenden Stiftungsrat des Bauhauses entsenden, um dort die inhaltliche Ausrichtung oder die Besetzung der Direktorenposten im Sinne einer „patriotischen Kulturpolitik“ zu manipulieren.
eine Diskussion hinterlässt Spuren
Die AfD nutzt seit jahren ihre starke Oppositionsfraktion, um das Bauhaus über „Kleine Anfragen“ und demonstrative Anträge im Landtag im Gespräch zu halten. Sie inszeniert das Bauhaus weiterhin als Symbol für das, was sie ablehnt, um ihre Wählerschaft ideologisch zu mobilisieren.
Kulturwissenschaftler warnen jedoch vor einem „Sicker-Effekt“. Wenn eine Kultureinrichtung wie das Bauhaus permanent als „undeutsch“ oder „globalistisch“ attackiert wird, führen jene Angriffe dazu, dass Menschen sagen, vielleicht hat die AfD recht. Es könnte sogar möglich sein, dass dieser Partei sogar ein Expertenwissen zugesprochen wird.
Weil die Bedrohung durch die auf 43 Prozent aufgepumpte AfD so real ist, bleibt das Schutznetzwerk des Bauhaus-Manifests 2026 aktiv. Der bundesweite Schulterschluss der Kulturszene zerfällt nicht so schnell. Das Bauhaus Dessau geht aus dieser Debatte letztendlich gestärkt, internationaler vernetzt und mit einem schärferen Profil hervor.







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